Corona-Pandemie: Gestrandet heißt gefährdet

5.8.2020

In Mexiko hat die Pandemie ein verheerendes Ausmaß erreicht – und der Gipfel ist längst nicht in Sicht. Mittlerweile sind über 50.000 Menschen im Zusammenhang mit COVID-19 gestorben. ZFD-Partner „Casa del Migrante Saltillo“ setzt sich für jene ein, die ohnehin kaum Rückhalt in der Gesellschaft haben: Geflüchtete, die in Mexiko gestrandet sind. In Zeiten von COVID-19 nimmt ihre Lage katastrophale Ausmaße an.

Mehrere hunderttausend Menschen aus Zentralamerika durchqueren Mexiko jedes Jahr, um der Gewalt und dem Elend in ihrer Heimat zu entkommen. Der Großteil flieht aus Guatemala, Honduras und El Salvador. Die meisten wollen in die USA gelangen, doch die wenigsten erreichen tatsächlich ihr Ziel. Viele stranden im Grenzgebiet, nicht wenige werden inhaftiert, die meisten werden zurückgeschickt.

Die Lage von Migrantinnen und Migranten in Zeiten von COVID-19

Der Ausbruch der COVID-19-Pandemie hat die Lage der im Land gestrandeten Migrantinnen und Migranten weiter verschärft: Die chronisch überfüllten staatlichen „Migrationszentren“ wurden teilweise geräumt, um Abstands- und Hygieneregeln durchzusetzen. Viele Geflüchtete wurden an der Grenze zu Guatemala ausgesetzt, damit sie auf eigene Faust in ihre Heimatländer zurückkehren. Aber die Mehrheit harrt im mexikanischen Grenzgebiet aus – schon allein deshalb, weil die Grenze für Menschen ohne guatemaltekische Staatsbürgerschaft geschlossen ist. Die Bearbeitung laufender Asylverfahren wurde ausgesetzt. In mehreren der über 60 staatlichen „Migrationszentren“ kam es zu Protesten, die teilweise gewaltsam niedergeschlagen wurden. Die von Kirchen und Nichtregierungsorganisationen betriebenen Anlaufstellen („Herbergen“) für Migrantinnen und Migranten können aufgrund der neu geltenden Hygienevorschriften keine weiteren Personen aufnehmen. In der Folge stranden noch mehr Menschen als zuvor auf der Straße, wo sie Gewalt durch kriminelle Banden oder Festnahmen durch die Polizei ausgeliefert sind. Ein wirksamer Schutz vor einer Corona-Ansteckung ist in dieser prekären Lage nicht möglich.

Die von Seiten der Zivilgesellschaft und Kirchen betriebenen Herbergen für Migrantinnen und Migranten, sogenannte „Casas del Migrante“, sind für die Flüchtenden eigentlich Orte der Hoffnung. Hier finden sie Schutz, psychologische Unterstützung und juristischen Rat. Doch die Corona-Pandemie erschwert die Arbeit zusehends. Eine solche Herberge, die „Casa del Migrante Saltillo“ im mexikanischen Bundesstaat Coahuila im Norden des Landes, wird seit 2014 vom Zivilen Friedensdienst unterstützt. Coahuila teilt sich eine rund 500 Kilometer lange Grenze mit dem US-amerikanische Texas. Das Team der dort ansässigen Herberge betreut pro Jahr im Schnitt 7.000 Migrantinnen und Migranten. Dafür werden die Mitarbeitenden regelmäßig bedroht und eingeschüchtert. Dies war der Anlass für ZFD-Träger pbi, ihnen mit Schutzbegleitung beizustehen. Diese konzentriert sich derzeit auf regelmäßigen Telefonkontakt, Informations- und Vernetzungsarbeit auf nationaler und internationaler Ebene sowie auf Advocacy-Arbeit mit mexikanischen und internationalen Behörden.

Die Arbeit des ZFD-Partners „Casa del Migrante Saltillo“ in Zeiten von COVID-19

Das Team der „Casa del Migrante Saltillo“ (CDM Saltillo) selbst hält den Betrieb der Herberge so weit wie möglich aufrecht. Dazu gehört derzeit selbstverständlich auch die gesundheitliche Aufklärung von Migrantinnen und Migranten über das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 - vor Ort und über die kontinuierlich bespielten digitalen Kanäle der Herberge. Darüber hinaus setzt sich das Team mittels Öffentlichkeits- und Advocacy-Arbeit für eine bessere Versorgung der besonders verwundbaren Gruppe der im Land festsitzenden Geflüchteten ein. In einem kürzlich veranstalteten Webinar zum Thema „Verteidigung der Rechte von Migrantinnen und Migranten in Zeiten von COVID-19“ erläuterte Alberto Xicotencatl, Leiter der CDM Saltillo, warum die Rahmenbedingungen für die Unterstützung von Migrantinnen und Migranten immer schwieriger werden – nicht allein, so aber doch weiter verschärft durch COVID-19. Das zweistündige Online-Seminar wurde vom ZFD-Träger pbi in Kooperation mit der Madrider Universität Carlos III auf die Beine gestellt. Auch der UN-Sonderberichterstatter für die Menschenrechte von Migranten Professor Felipe González Morales war mit von der Partie.

Die „Casa“ ist außerdem an der Durchführung eines Weiterbildungskurses in psychologischer Ersthilfe bei Migrantinnen und Migranten, Geflüchteten und Vertriebenen beteiligt. Heute startet das zweimonatige Ausbildungsprogramm bereits in sechster Auflage. Diesmal wird ein spezieller Fokus auf die psychosozialen Herausforderungen der Corona-Pandemie gerichtet. Auch bei der UN-Kampagne zur Wahrung der Menschenrechte in Mexiko während der COVID-19-Pandemie ist die CDM Saltillo vertreten. Die Kampagne wird seit März 2020 vom mexikanischen Büro des Hochkommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte verantwortet. Menschenrechtsverteidigerinnen und Menschenrechtsverteidiger aus verschiedenen Bereichen der mexikanischen Zivilgesellschaft erläutern, warum die Menschenrechte im Mittelpunkt der Reaktion auf die Pandemie stehen müssen. „Casa“-Mitarbeiterin Alejandra Silva Olvera nutzt den Rahmen, um auf die erhöhte Verwundbarkeit der Migrantinnen und Migranten in Zeiten von COVID-19 hinzuweisen: „Durch die Quarantäne ist es kompliziert geworden, auf die Bedürfnisse der Menschen, mit denen wir arbeiten, einzugehen, weil wir nicht die gewohnte Nähe herstellen können, die wir für ihre Versorgung benötigen, oder weil wir keine neuen Menschen aufnehmen können. Der Zugang zu Informationen hilft den Migranten, sich sachkundig an Diskussionen und Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Die Regierung muss zuhören und auf den Willen und die unterschiedlichen Lebensrealitäten und Bedürfnisse der Menschen, die sie vertritt, eingehen.“

Ein Interview mit dem Leiter der CDM Saltillo Alberto Xicotencatl ist in der ZFD-Broschüre „Flucht – Gewalt vorbeugen, Zusammenleben fördern, Rückkehr erleichtern“ (2017, S.15ff) erschienen. Darin schildert er die Arbeit der „Casa“, berichtet von seiner persönlichen Motivation und dem Risiko, das mit dem Engagement einhergeht.

Aktuelle Infos und Aktivitäten der „Casa del Migrante Saltillo“ finden Sie auf Twitter und Facebook.


Quellen:
Alberto Xicotencatl in der ZFD-Broschüre (2017) „Flucht – Gewalt vorbeugen, Zusammen leben fördern, Rückkehr erleichtern“ (S.15ff)
Ana Lilia Amezcua Ferrer auf Animal Politico (20.04.2020): Ser migrante en México durante una pandemia mundial
Anne Demmer auf tagesschau.de (20.06.2020): Migranten in der Corona-Krise Endstation Sehnsucht in Mexiko
Center of Human Rights Fray Matías de Córdova (Juni 2020). Social and Institutional Justification of Torture and Ill-Treatment in Immigration Detention Centres in Mexico
Deutsche Welle (18.04.2020): Gefährdete Migranten in Mexiko kommen frei
Nina Baghery auf america21 (31.07.2020): Migranten in Mexiko: Erst eingesperrt, dann ausgesetzt
Peace Brigades International Switzerland (Juli 2020): Migrant_innen in Mexiko – Die unsichtbaren Opfer der Pandemie [in: à propos. Das Friedensmagazin von KOFF, S. 4ff]

Abbildungen + Foto: Casa del Migrante Saltillo