Corona-Pandemie: Die Menschen(rechte) im Blick

6.5.2020

COVID-19 ist nicht allein eine gesundheitliche Bedrohung – und die Auswirkungen der Pandemie nicht allein wirtschaftlicher Natur. Die psychosozialen Belastungen sind gravierend. Vielerorts steigt das Ausmaß häuslicher Gewalt. Die Menschenrechte werden mitunter vernachlässigt. Und die Pandemie birgt auch die Gefahr, soziale Ungleichheiten weiter zu verstärken. All dem stellt sich das nepalesische Netzwerk COCAP entgegen.


Die ZFD-Partnerorganisation Collective Campaign for Peace (COCAP) fungiert als Dachverband von über 40 lokalen Menschenrechts- und Friedensorganisationen. Die Mitglieder engagieren sich in allen Teilen des Landes für die Einhaltung der Menschenrechte und die Verbreitung gewaltfreier Konfliktbearbeitung. Momentan verstärkt COCAP seine Arbeit vor allem in zwei Bereichen: zum einen in der Beobachtung der Menschenrechtslage, zum anderen in der Bereitstellung psychosozialer Versorgungsangebote. Ein wichtiges Anliegen ist außerdem, auf die sozialen Ungleichheiten aufmerksam zu machen, die vor dem Hintergrund der Pandemie umso deutlicher hervortreten. „Mit COCAP versuchen wir, die sozialen Ungleichheiten im Hinblick auf die Auswirkungen des COVID-19 Ausbruchs sichtbar zu machen und über Hilfsangebote zu informieren“, berichtet ZFD-Fachkraft Inga Ferber aus Nepals Hauptstadt Kathmandu, von wo aus sie die ZFD-Partnerorganisation COCAP seit Februar 2019 unterstützt. „Auch wenn es sich nicht immer so anfühlt, weiß ich, dass die Einhaltung der Ausgangssperre ein Luxus ist. Für viele Menschen in Nepal ist soziale Distanz unmöglich, weil es ihnen an Nahrungsmitteln, Einkommen oder einem sicheren Zuhause fehlt.

Die COCAP-Mitglieder beobachten seit Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 – die erste infizierte Person wurde bereits am 24.1.2020 registriert – und insbesondere seit der verhängten Ausgangssperre eine Zunahme psychischer Erkrankungen. Es gibt zudem zahlreiche Hinweise, dass auch das Ausmaß häuslicher Gewalt steigt. „Von meiner Arbeit mit COCAP gegen geschlechtsspezifische Gewalt im Süden Nepals weiß ich, dass psychische Erkrankungen sowie häusliche Gewalt weit verbreitet sind. Diese Probleme werden durch die Ausgangssperre in vielen Fällen noch verstärkt,“ kann Inga Ferber bestätigen. „Psychische Belastungen und Erkrankungen werden oft von den Betroffenen und ihren Familienangehörigen nicht als solche erkannt, sodass die bestehenden Angebote zu psychosozialer Beratung nicht ausreichend genutzt werden. Auch wird das Thema häusliche Gewalt tabuisiert, sodass viele Betroffene entweder nicht über Hilfsangebote informiert sind oder diese nicht in Anspruch nehmen.“ Um dem entgegenzuwirken bietet COCAP allen Mitarbeitenden Beratung per Telefon oder Videochat an. Außerdem verbreiten die COCAP-Mitglieder über die sozialen Medien Tipps zum Umgang mit Stress und psychischer Belastung für Kinder und Erwachsene. COCAP nutzt darüber hinaus seine Zusammenarbeit mit Radio Baadal im Süden Nepals, um Menschen über psychosoziale Hilfsangebote zu informieren. „Ich hoffe, dass unser Radioprogramm dazu beiträgt, diese Themen ins öffentliche Bewusstsein zu bringen und Betroffene dazu ermutigt, sich Hilfe zu suchen“, sagt Inga Ferber, die ihren Kolleginnen und Kollegen vom Homeoffice in Kathmandu aus weiter beiseitesteht.

Seit Inkrafttreten der landesweiten Ausgangssperre am 24. März 2020 erreichen COCAP zudem fast täglich Nachrichten über gewaltvolle Auseinandersetzungen. In den meisten Fällen kommt es zu Gewaltanwendung, wenn es um die Einhaltung von Verhaltensregeln oder die Verteilung von Hilfsgütern geht. Nach Beobachtung der COCAP-Mitarbeitenden hat im Zuge der Ausgangssperre insbesondere die Polizeigewalt stark zugenommen. COCAP macht derartige Vorkommnisse über ihr Facebook-Profil publik. Dabei informiert sie die Bevölkerung über ihre Rechte und erinnert die Sicherheitskräfte zugleich an ihre Verantwortung. „Die Polizei Nepals hat sich zu einer Kultur der Null-Toleranz hinsichtlich der Missachtung und der Verletzung der Menschenrechte […] im Rahmen der Strafverfolgung verpflichtet“ – wird beispielsweise einem Post über zwei Vorfälle registrierter Polizeigewalt vorangestellt. Bei dem Zitat handelt es sich um einen Auszug aus der Selbstverpflichtung der nepalesischen Polizei. „Es wird Zeit, euer Wort zu halten!“ – ergänzt COCAP folgerichtig den Post.

COCAP betreibt außerdem den Nepalmonitor.org, der 2012 als ZFD-Initiative ins Leben gerufen wurde. Die Online-Plattform hat sich seitdem als wichtiges Instrument zur Beobachtung der Menschenrechtslage in Nepal etabliert. Registrierte Nutzerinnen und Nutzer werden in Echtzeit über die aktuelle Sicherheitslage per E-Mail und SMS informiert. Darüber hinaus werden detaillierte Analysen über Gewalt und Menschenrechtsverletzungen im Land erstellt. Neben der Webpräsenz ist der NepalMonitor auch auf Facebook und Twitter vertreten. Derzeit wird auf der Plattform ein eigener Bereich zu COVID-19 eingerichtet, der in Kürze online geht. Hier werden die COCAP-Mitarbeitenden über die Auswirkungen der Pandemie auf die Menschenrechtslage informieren sowie über Maßnahmen und Versäumnisse der Regierung wie auch öffentlicher Einrichtungen berichten, die Grundrechte wie Gesundheit, Nahrung, Unterkunft und Schutz zu garantieren.


Abbildungen + Fotos: COCAP & Radio Baadal; Foto Kathmandu: Inga Ferber