Afghanistan: Manege Frei-heit

8.8.2019

Mit Rabia Ahmadi stand Anfang des Jahres zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine afghanische Artistin auf einer deutschen Varietébühne. Was das mit Friedensarbeit zu tun hat? Rabia Ahmadi nimmt seit sieben Jahren am Zirkus-Projekt MMCC in Kabul teil, das vom ZFD unterstützt wird. Der „Mobile Mini-Circus for Children“ wurde 2002 von Dave Mason und Berit Muhlhausen aus Dänemark gegründet – und hat seitdem über 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche erreicht.

In der afghanischen Hauptstadt Kabul ist das Hauptquartier des Zirkus-Projekts MMCC schon von weitem durch seine farbenfrohe Gestaltung zu erkennen. Hier, im „Children’s Culture House“, werden regelmäßig 120 Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis sechszehn Jahren betreut. In den Genuss kommen in gleicher Weise Jungen und Mädchen aus allen Bevölkerungsgruppen. Das breit gefächerte Kursangebot bietet neben Artistik, Akrobatik und Clownerie auch Kurse in Malerei, Theater, Journalismus, Englisch und anderem. Mittags gibt es ein gemeinsames Essen. In der Winterzeit profitieren rund 350 Kinder und Jugendliche von bis zu 40 unterschiedlichen Kursen.

In Kabul ist auch Nachwuchstalent Rabia Ahmadi zuhause. Im MMCC/AECC-Kulturzentrum ist die 14-jährige Gymnasiastin regelmäßig anzutreffen. Seit 2012 nimmt sie an diesem Projekt ungewöhnlicher Art teil. Ungewöhnlich für Afghanistan, ungewöhnlich für unser Bild von Afghanistan. Rabia Ahmadi machte schnell Fortschritte, besonders im Jonglieren. 2015 wurde sie zum Kinder-Zirkus Festival „Circomondo“ im italienischen Siena eingeladen, 2017 gewann sie bei den Regionalmeisterschaften der „International Jugglers Association“ (IJA), der internationalen Vereinigung der Jongleurinnen und Jongleure, die Goldmedaille für die Region „Far East“.

Nun war Rabia Ahmadi fürs „17. Internationale Neujahrs-Varieté“ im Bad Nauheimer Dolce-Theater engagiert. Dort konnte sie von Januar bis Februar 2019 Publikum und Ensemble gleichermaßen mit ihrer sympathischen Ausstrahlung und ihrem Können überzeugen. „Das Gesicht der Hoffnung“, wurde sie treffenderweise in der Tageszeitung der Region, dem „Kreis-Anzeiger“, genannt. An der diesjährigen Auflage des „Internationalen Neujahrs-Varietés“ nahmen 42 Artistinnen und Artisten aus 13 Ländern teil. Sie absolvierten 48 Shows, die von insgesamt 33.000 Zuschauerinnen und Zuschauern verfolgt wurden.

Inzwischen ist Rabia Ahmadi wieder zurück daheim. Neben Schule, Football- und Jonglage-Training gibt sie beim „Mobile Mini-Circus for Children“ inzwischen selbst Kurse im Jonglieren. Auch den Kindern und Jugendlichen dort macht sie Hoffnung. Das, was sie geschafft hat, motiviert und macht auch die anderen stolz. Und sie will noch mehr schaffen. Sie möchte Ingenieurin werden und allen Widrigkeiten zum Trotz in ihrer Heimat Afghanistan bleiben.

Der „Mobile Mini-Circus for Children“ hat sich in Kooperation mit seinem lokalen Partner „Afghan Educational Children’s Circus“ (AECC) übrigens längst zu einem landesweiten Bildungsprogramm entwickelt. Regelmäßig gehen die sechs festangestellten Profi-Artisten auf Tour durchs Land. Bei ihren Auftritten zeigen sie nicht nur, was sie können, sondern sprechen auch Themen wie Frieden, Gesundheit und die Bedeutung von Bildung an. In ihren Workshops mit Kindern und Jugendlichen geht es ebenfalls nicht nur um das Erlernen der Zirkuskunst, sondern vor allem um das Erleben der Gemeinsamkeit. Seit 2002 haben sie mit ihrer Mischung aus Unterhaltung und Pädagogik mehr als 2,7 Millionen Kinder und Jugendlichen in 25 Provinzen Afghanistans erreicht. Dabei wagen sie sich auch in Gegenden vor, wo Musik, Gesang und andere künstlerische Ausdrucksformen lange Zeit unterdrückt und in Vergessenheit geraten waren.

Der Zivile Friedensdienst fördert dieses außergewöhnliche Projekt von MMCC/AECC seit 2015 sowohl finanziell, als auch mit tatkräftiger Unterstützung durch die nationalen ZFD-Fachkräfte. 2018 wurde beispielsweise mit Support des ZFD ein weiteres MMCC/AECC-Kulturzentrum in Herat aufgebaut. Herat ist nach Kabul die zweitgrößte Stadt Afghanistans. Ein weiteres Ergebnis der Zusammenarbeit ist die neue Komponente „Urban Challenge“: Jugendliche kommen zusammen, um sich den Herausforderungen in ihren Gemeinden zu stellen. Gemeinsam planen und führen sie Aktionen und Aktivitäten durch, die helfen, Probleme zu mindern und neue Möglichkeiten zu eröffnen. 

Mehr über das Zirkus-Projekt MMCC/AECC erfahren Sie auf der projekteigenen Website und im Facebook-Profil oder auch in der ARTE-Reportage Akrobaten der Versöhnung (2018, 23 Min.).


Das Engagement des Zivilen Friedensdienstes in Afghanistan geht über die Unterstützung des Zirkus-Projekts MMCC/AECC hinaus. „Ziel ist es, junge afghanische Männer und Frauen darin zu trainieren, positive Veränderungen in der Gesellschaft zu bewirken, sich für die Friedenskonsolidierung einzusetzen und ihre Interessen konstruktiv zu vertreten. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiten wir mit ihnen in verschiedenen Bereichen: Trainings in Lebens- und Führungsfähigkeiten, Konfliktbearbeitung und Mediation, aber auch über Kunst und Theater“, sagt Obaidullah Tanha, der ZFD-Teamleiter in Afghanistan.

2018 konnte das lokale ZFD-Team in Afghanistan rund 720 Mädchen und Jungen mit gewaltfreier Konfliktbearbeitung vertraut machen. 110 Jugendliche nahmen an einem Training in Lebens- und Führungskompetenz („life and leadership skills“) teil, 70 Jugendliche wurden in der Methode des „Theaters der Unterdrückten“ ausgebildet. Die Jugendlichen werden ermutigt, die erworbenen Kenntnisse in ihr Lebensumfeld zu tragen und eigene Initiativen zu starten. Dabei treten sie auch in den Dialog mit Gleichaltrigen aus anderen sozialen, ethnischen und religiösen Gruppen und anderen Regionen sowie mit relevanten staatlichen Akteurinnen und Akteuren.


Foto: Mobile Mini-Circus for Children [Rabia Ahmadi in ihrer Königsdisziplin, der Jonglage]

Quellen: GIZ, MMCC/AECC, IJA, ARTE, Kreis-Anzeiger, Gießener Allgemeine